Versuche,
mit einem virtuellen Gulag-Museum die Erinnerung an den staatlichen Terror der
stalinistischen Sowjetunion zu bewahren
Der dunkel
angelaufene Aluminiumbecher könnte eine Geschichte erzählen, weil er Geschichte
ist. Gulag-Geschichte. Aus dem Becher hat ein politischer Häftling getrunken. Er
hat auch als akustisches Hilfsmittel gedient: An die Zellenwand gepresst,
verstärkte er den Ton, der aus der Nachbarzelle drang, verstärkte Klopfsignale,
Stimmen und Schreie. Er war Kommunikationsmittel und Trinkgefäß in der Zeit des
staatlichen Terrors, Stalin-Zeit. Der Spaten, dem der Stiel weggebrochen ist,
könnte Fragen beantworten: Hat sein Benutzer mit ihm Kohle gefördert? Einen
Graben gebuddelt als erste notdürftige Unterkunft? War er Waffe in der Hand
eines Aufsehers?
Aluminiumbecher, Spaten und vieles andere unscheinbare
Gerät stehen in meist wenig beachteten Sammlungen. Deren gibt es an die 300. Es
sind Sammlungen Überlebender. Der russische Staat unterhält dergleichen nicht.
Ein Gedenk-Museum des Gulag, das Erinnerungen an Formen der staatlichen Gewalt
bewahrt und Mahnungen erkennbar werden lässt, gibt es nicht. Die Geschichte des
Gulag ist im offiziellen Gedächtnis der Russländischen Föderation nicht leicht
aufzuspüren.
"Das Bemerkenswerte am Menschen ist nicht, dass er
verzweifelt, sondern dass er die Verzweiflung überwindet und vergisst", hat
Albert Camus 1945 in sein Tagebuch geschrieben. Das amtliche Vergessen lässt
indessen nicht nur die Verzweiflung verschwinden, sondern auch das Bewusstsein
für sich selber sowie der Gefahr, die sich wieder materialisieren könnte. Dem
wollen die widerstehen, die Relikte aus den Lagern der Stalinzeit aufbewahren,
wenigstens aber ihre Existenz dokumentieren. "Wir müssen die Erinnerung an die
Schrecken staatlicher Gewalt und der Angst davor bewahren", sagt Anna
Schor-Tschudnowskaja, die mit der Sankt Petersburger Stiftung Memorial und ihrer
Direktorin Irina Flige, der Projektleiterin, daran arbeitet, das materiell
Erhaltene zu bewahren. Sie zitiert einen Petersburger Wissenschaftler:
"Geschichte ist, was passiert ist - und was wieder passieren kann".
Die
Form heißt: "Virtuelles Gulag-Museum". Elektronisch - im Internet und auf CD -
werden "schweigende Bilder von Gegenständen aus dem weiten Gebiet des Gulag"
festgehalten. Auf gesprochene und geschriebene Worte verzichtet diese
Unternehmung zunächst. Die stumme, optische Vermittlung, schreibt
Schor-Tschudnowskaja, "ist insbesondere vor dem Hintergrund der fehlenden
entsprechenden Begrifflichkeit in der gegenwärtigen russischen Sprache und der
unzureichenden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wichtig".
Vernetzung
der Erinnerung
Es gibt den Zeit-Faktor. Gegenstände zerfallen und
verfallen. Sammler sterben, verlieren das Interesse oder werden veranlasst,
lieber zu vergessen als zu bewahren. Ein Zusammenhang, ein Netz der Erinnerung
muss hergestellt werden, solange es die in den Relikten und im Gedächtnis
erhaltenen historischen Reminiszenzen noch gibt und solange ein Bewusstsein
vieler Einzelner für die Geschichte existiert. Das ist ein Kernproblem. Mit der
Aufarbeitung der
sowjetischen Geschichte tut sich die
russländische Gesellschaft schwer. Einerseits beschwört die Machtelite
die Kontinuität der Historie. Sie greift zurück auf Symbole und Traditionen des
Staates vor der Revolution von 1917. Die Aufwertung des Tages, an dem im frühen
17. Jahrhundert Bürger Kusma Minin und Fürst Dmitrij Poscharskij zur Einigung
gegen fremde Intervention gerufen haben sollen, zum Nationalfeiertag ist ein
Beispiel. Dadurch werden der faktische - nicht formelle - Gründungsakt des
Romanow-Staates zum konstitutiven Element der Nation. Dieser Feiertag löst den
anderen ab, der auf die Revolution von 1917 verwies; die Sowjetgeschichte wird
zur Episode, an die man nicht mehr feiernd zurückdenkt.
Andererseits
bleibt die Nationalhymne der Sowjetunion, mit zum dritten Mal vom selben Autor
umgeschriebenen Text, erhalten - nun als Hymne Russlands. Und der 9. Mai, der
Tag des Sieges von 1945, bleibt Feiertag, Tag der Befreiung, obwohl diese
Befreiung keine von der eigenen Stalinschen Diktatur war. Sowjetgeschichte und
russische Geschichte sind einerseits kongruent, andererseits aber nicht. Was
Russland ist, entzieht sich so der Rationalität. Die Geschichte wird reduziert
auf Symbole der Macht und Größe, blendet die Wirklichkeit der im Namen des
Staates verübten Verbrechen an der Menschlichkeit aus.
Die elektronisch
bewahrte Sammlung der schweigenden Gegenstände dokumentiert nicht nur
Unterdrückung und Zwangsarbeit; sie dokumentiert auch den Widerstand des
Geistes. Bewahrt wurden nicht allein Spaten, Aluminiumbecher und (Bilder von)
Stacheldraht und Wachttürmen. Auch Kunstwerke, die Häftlinge geschaffen haben,
mit denen sie der Verzweiflung entgegengewirkt haben, werden in dieser Form
erhalten. Schachfiguren, aus Brot geformt; Plastiken aus Lager-Materialien;
Gemälde. Der Geist ist frei und kann gestalten. . .
Die Geschichte im
Gulag - des Gulag - und die Geschichte der Überlieferung verschränken sich zu
einem wesentlichen Aspekt der Sowjetgeschichte, die eben nicht vergeht, auch
wenn die Staatsmacht sie nur selektiv wahrzunehmen gewillt ist und im Übrigen
durch Schweigen und Verleugnenersetzt.
Suche
nach Unterstützung
Das virtuelle Gulag-Museum kann zunächst nur
Erinnerung bewahren. Die Geschichte aufzuarbeiten ist eine Aufgabe, die von
einer unabhängigen Organisation allein nicht zu bewältigen ist. "Wir brauchen",
erklärt Memorial, "die Unterstützung der Gesellschaft und natürlich des Staates.
Zu unserem Bedauern ist das gegenwärtig nicht der Fall". So ist das Vorhaben,
alle Opfer der Repression ausfindig zu machen, bisher unerfüllt geblieben; es
fehlt der Zugang zu den Archiven. Das Innenministerium Russlands und die Erben
der Täter-Organisation KGB sind wieder verschlossen.
Es fehlt auch am
Materiellen. Bisher hat die Konrad-Adenauer-Stiftung die Arbeit ein wenig
unterstützen können. Das neue Gesetz, das "einen Deckel auf die Finanzierung
nicht kommerzieller Organisationen und ihrer politischen Aktivitäten durch das
Ausland setzen" soll, wie es der Vertreter der Regierungspartei Einheitliches
Russland unter Berufung auf Präsident Wladimir Putin definierte, könnte diese
Zusammenarbeit gefährden. So kann die Sammlung der russischen und der
sowjetischen Erinnerung erlöschen und am Ende gar zu einem subversiven Akt
umgedeutet werden.
Jede Erinnerung kann subversiv sein. Die Subversion
aber bedroht nur jene Politik, die sich durch die Erinnerung selbst bedroht
fühlt und es vorzieht, eine Gesellschaft zu formen, die historisch bewusstlos
und daher wehrlos ist.